Sport & Bodytuning: Das Streben nach verzerrten Idealen

11. November 2019

Der sportliche Mensch setzt sich Ziele und strebt dabei im Extremfall nach Idealen. Was sind das für Ideale, wie haben sie sich über die letzten Jahrzehnte verändert und was wird dabei dafür getan oder gar aufs Spiel gesetzt, um diesen Idealbildern näher zu kommen? Domenic Schnoz, Stellenleiter Zürcher Fachstelle zur Prävention des Suchtmittelmissbrauchs, ZFPS, klärte mit dem ASVZ-Vortrag «Sport & Bodytuning» über den Konsum und die Risiken von Anabolika, genauer noch, von anabolen androgenen Steroiden (AAS) auf.

Vergleichen wir die körperlichen Ideale der Generationen X bis Z. Die Generation X (Jahrgänge 1960er bis frühe 1980er) sass noch vor dem Röhrenfernseher und folgte James Bond oder eben Sean Connery auf seinen Missionen. Generation Y und Z (Jahrgänge frühe 1980er bis ca. 2012er) erinnern sich eher an Daniel Craig. Ob Sean Connerys Physis für damalige Verhältnisse ein «Traumkörper» war, ist subjektiv. Viel entscheidender ist, dass der Körper damals noch gar keine so grosse Rolle spielte. Daniel Craigs Körper wurde mit dem Wandel des Körperkults hingegen bedeutend mehr Beachtung geschenkt und war im Vergleich zu früher unübersehbar gestählter.

Muskelmasse ist also spätestens seit den Nullerjahren nicht nur im Showbusiness, sondern auch im Breitensport und bei beiden Geschlechtern auf dem Vormarsch. Dies kann durchaus positive Aspekte beinhalten. Wir denken hier beispielsweise an das Ideal der Frauen, das vor allem vor der Jahrtausendwende «skinny» war und das als solches gesundheitliche Risiken bergen konnte. Heute wird vielmehr «strong» angestrebt, was auf den ersten Blick gesünder erscheint («strong is the new skinny»), sofern auf natürlichem Weg darauf hintrainiert wird. Die Einnahme von AAS für den schnellen Muskelaufbau arbeitet jedoch gegen die Gesundheit.

Die Problematik des AAS-Konsums ist vielschichtig. Ganz abgesehen von der Legalität von AAS, die sich in einer Grauzone bewegt (Herstellung und Handel sind bewilligungspflichtig, solange für den Eigengebrauch bestimmt, Einfuhr, Erwerb, Besitz und Konsum ausserhalb des offiziellen Leistungssports sind jedoch nicht strafrechtlich verfolgbar), ziehen sie beträchtliche gesundheitliche Risiken mit sich, sowohl physische als auch psychische. Die Liste der Gründe, die gegen die Einnahme von AAS sprechen, ist lang, wie Domenic Schnoz in seinem Referat deutlich ausführt. Bluthochdruck, Atherosklerose, Leberschädigungen, eine veränderte Libido und eine verminderte Fruchtbarkeit sind nur einige schwerwiegende Punkte in der Aufzählung der körperlichen Gefahren, ganz zu schweigen von den psychischen Störungen, die durch AAS ausgelöst werden können, wie Stimmungsschwankungen, Angstzustände, Psychosen oder Abhängigkeit.

Die von Herrn Schnoz aufgezeigten Auswirkungen bestätigt ein junger Mann in einem von der ZFPS zur Verfügung gestellten Filmausschnitt. Über Schlafstörungen, Herzrasen, Schweissausbrüche, extreme Zittrigkeit, Depressionen und Aggressionen berichtet er und gibt zu, sich aufgrund dessen um seine Gesundheit zu sorgen. Konsequenzen ziehen zu wollen und von weiteren AAS-«Kuren» abzusehen, scheint er aber nicht zu erwägen. Zu gross ist die Gefahr, die erarbeitete Körpermasse wieder zu verlieren und dadurch auch Ansehen und Selbstbewusstsein. Diese Angst deutet auf die enorme Gewichtung des heutigen Körperkults hin, der in den letzten Jahrzehnten zugenommen hat und durch die Verbreitung auf den sozialen Medien nicht nur breitflächig gepusht, sondern auch verzerrt wird. Wie viele Influencer nämlich unbearbeitete Fotos von sich selbst posten oder in ihrer Rolle als Vorbild auf Natürlichkeit setzen, ist fragwürdig. Fakt ist aber, dass sich vor allem Jugendliche an ihren Vorbildern orientieren, ihnen nacheifern wollen und sich dadurch selbst beachtlichen Druck auferlegen, der innerhalb der Peergroups noch potenziert wird. Gross ist die Versuchung, die gewünschten Resultate auf der Überholspur und mit unnatürlichen Hilfsmitteln zu erreichen.

Bezogen auf die Aufklärungsarbeit für «Freizeitsportler/innen» leisten die ZFPS mit ihren Angeboten (bodytuning-check.ch, Flyer «Bodytuning – Die Risiken») sowie die Suchtpräventionsstelle der Stadt Zürich in Zusammenarbeit mit der Offenen Jugendarbeit wichtige Pionierarbeit in der Schweiz. Die Botschaft ist klar: Bodytuning ist durchaus ok, soll aber auf natürlichem Weg ohne Nebenwirkungen erzielt werden.

Langfristiges Ziel ist also, diese Mission möglichst weitläufig viral zu verbreiten und den Mythos Bodytuning mit AAS im Laufschritt zu überholen. Darüber hinaus sollen Jugendliche aber so früh wie möglich in ein gesundes soziales Umfeld eingebettet werden, damit sie Selbstwertgefühl und Bestätigung durch andere Eigenschaften erfahren können als durch Äusserlichkeiten.  

Text: Rebecca Costabile

Der ASVZ hat den Vortrag live mitverfolgt. Das Video ist auf der ASVZ-Facebook-Seite zu sehen. Das Handout zum Vortrag wird auf Anfrage ausgehändigt.

Verantwortung Vortragsreihe

Rebecca Costabile
Direktionsassistentin

Kommunikation

Simone Eder
Projektleiterin Kommunikation

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