Sport & Kraft: «Krafttraining erhöht die Chance, länger zu leben»

15. April 2024

Silvio Lorenzetti ist Experte in Sachen Krafttraining und Sport. Als Leiter des Ressorts Leistungssport an der Eidgenössischen Hochschule für Sport Magglingen, EHSM, präsentierte der Physiker und Privatdozent der Biomechanik sein Fachwissen rund um das Thema mit vielseitigen Einblicken in die Welt der angewandten Kraftforschung. Das Publikum der ASVZ-Vortragsreihe «Sport & ...» wurde von ihm auf eine spannende Reise mitgenommen – von der Trainingsmotivation über Fun Facts bis hin zu aktuellen Forschungsergebnissen und dem Blick in die digital unterstützte Krafttrainings-Zukunft.

Silvio Lorenzetti ist einer der erfahrensten Schweizer Wissenschafter im Bereich Sportbiomechanik und weiss als ehemaliger Kraftsportler und American Football-Spieler auch aus eigener Erfahrung, wie wichtig Krafttraining im Sport ist. Selbst von muskulöser Statur, steht der Kraftexperte an diesem Abend an der ETH Zürich bei seinem Referat vor Publikum und macht gleich zu Beginn klar, dass ihm Thema und Zuhörerschaft gleichermassen am Herzen liegen: «Es gibt kaum ein Thema, über das ich lieber mit ihnen sprechen würde als über die Kraft. Ich möchte sie begeistern, nach diesem Abend noch motivierter ins Krafttraining zu gehen als bisher.» Das Vorhaben gelingt Silvio Lorenzetti eindrücklich, wie die angeregte Fragerunde am Ende der Veranstaltung unter Beweis stellt.

Zuvor gestaltet der Referent den wissenschaftlichen Einstieg in die Tour d'Horizon zum Thema Kraft mit einem Blick auf «etwas morbide Forschungsresultate» zur Korrelation von Krafttraining und Sterblichkeit, wie Lorenzetti erklärt: «Eine repräsentative Forschung hat 2017 ergeben, dass man seine Chance erhöht, länger zu leben, wenn man Krafttraining betreibt und damit die Gefahr senkt, an Krebs zu erkranken.» Nicht umsonst empfehle die Weltgesundheitsbehörde WHO den über 65-Jährigen, mindestens zwei Mal pro Woche die grossen Muskelgruppen des Körpers mit Krafttraining zu stärken. Das sei auch für jüngere Personen eine Empfehlung der WHO, erwähnt Lorenzetti. Gleichzeitig weist er aber darauf hin, dass ein nicht sachgemäss ausgeführtes Krafttraining auch ein Verletzungspotenzial aufweise, das am häufigsten Schultern, Oberarme, Rücken und Oberschenkel betreffe. «Bei Männern ist die Überbelastung mit 45,6% und bei Frauen die falsche Ausführung von Kraftübungen mit 21,1% die häufigste Verletzungsursache.» Sein Verweis auf die fünf wichtigsten Tipps fürs Krafttraining der bfu–Beratungsstelle für Unfallverhütung untermalt Silvio Lorenzetti mit einem Augenzwinkern und Blick auf die SUVA-Unfallstatistik: «Die Statistik belegt, dass beispielsweise Fussball zehn Mal gefährlicher ist als Krafttraining, und dieses drei Mal weniger zu Verletzungen führt als Jogging.»

Unter dem Titel «Fun Facts und Non-Fun Facts» fasst der Kraftexperte in der Folge Erstaunliches aus der Welt der Forschung zusammen. Gut zu wissen seien die Erkenntnisse, dass die Maximalkraft im Training mit Selbstmotivation und verbaler Unterstützung jeweils um zehn Prozent zunehme, und dass alleine das Vorstellen eines Krafttrainings die Maximalkraft um fünf Prozent vergrössere. Die spätere Frage eines Zuhörers, ob die imaginär hervorgerufene Kraftsteigerung mit viel daran denken kumuliert werden könne, verneint Silvio Lorenzetti mit dem humorvollen Hinweis, dass dies wohl noch nicht erforscht sei. Eine weitere positive Nachricht ist die Erkenntnis, dass bei Untrainierten beinahe jedes Krafttraining erfolgreich sei. Weniger erbaulich sind dagegen die Aussagen, dass in vielen Forschungsstudien zum Thema Kraft vornehmlich junge, gesunde, männliche Probanden Daten lieferten. Daten für Frauen, egal ob ältere oder weniger gesunde, dagegen oftmals fehlten. Selbst die im Kraftraum regelmässig kolportierte Regel, dass acht bis zwölf Übungswiederholungen das Nonplusultra im Krafttraining seien, erachtet Silvio Lorenzetti nicht für allen Fälle als zutreffend.

Wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse präsentiert der Wissenschafter in seinen folgenden Ausführungen zu verschiedenen Muskelarten und -fasern, zu den unterschiedlichen Zielen und Wirkungen von Krafttrainings sowie zum Thema Kraft im Leistungssport. «Die körperliche Leistungsfähigkeit ist dabei stets in der Relation von Kraft und Geschwindigkeit zu sehen», lautet dabei eine zentrale Aussage. In verschiedenen Anschauungsbeispielen aus seinen eigenen Forschungsarbeiten präsentiert er die Verwendung von digitalen Mess- und Arbeitsmethoden und daraus resultierenden Erkenntnissen für die Trainingslehre und Physiotherapie.

Zum Abschluss seines Referates gewährt Silvio Lorenzetti einen Ausblick in die Zukunft des digital unterstützten Krafttrainings. In dem von ihm begleiteten Forschungsprojekt «Digital Twin» werden beim Krafttraining über Körpersensoren gesammelte Probandendaten automatisch ausgewertet und über ein Programm auf der Smartwatch analysiert. «Mit einer solchen App – und der ihr zugrunde liegenden Erkenntnisse und Methoden vom Leistungssport –, sollte es in Zukunft möglich sein, schon während dem Krafttraining über die Smartwatch Rückmeldung zum eigenen Training zu erhalten.» Eine solche Anwendung könnte in Zukunft dazu beitragen, dass die Sicherheit im Krafttraining erhöht würde, mit technologisch unterstützten Satzvorhersagen und Abbruchkriterien.

Die zahlreichen Fragen zum Thema Sport und Kraft, welche im Anschluss an das Referat eingehen und von Silvio Lorenzetti beantwortet werden (https://video.ethz.ch/events/asvz.html), machen deutlich, wie wichtig seine Forschung in diesem Bereich ist. Ganz der Wissenschafter, ermuntert er zum Schluss des Abends das Publikum, die bereits realisierte App ENGINE CHECK (enginecheck.ch) herunterzuladen und eine Idee zu bekommen, wie digitale Helfer im Sport nützlich sein können. Die App des Bundesamtes für Sport BASPO und von Swiss Cycling richtet sich an alle Velofahrerinnen und Velofahrer. Mit Hilfe der App kann man auf verschiedenen Teststrecken in der Schweiz sein Leistungsvermögen im Selbstverfahren ermitteln.

Text: Thomas Borowski
Bild: Adrian Villiger

Projektleiterin Kommunikation

Simone Eder
Projektleiterin Kommunikation