Am 20. Oktober 2015 referierte im Dozentenfoyer der ETH Zürich Professor Dr. Martin Müller vom Geographischen Institut der Universität Zürich über die oftmals problematische Verknüpfung  von Grossveranstaltungen und Stadtentwicklungsprojekten. Dabei stellte er sieben „Todsünden“ und acht Gegenmassnahmen vor.

Überzogene Versprechen, leerstehende Hotelkomplexe und ein Budgetüberzug von durchschnittlich 174 Prozent. In der normalen Wirtschaftswelt müsste der Projektverantwortliche längst seinen Platz räumen. Doch in der Welt der Grossveranstaltungen, wie Olympischen Spielen und Fussballweltmeisterschaften, gehört dies zum Alltag.

Grossveranstaltungen werden heutzutage mit dem Ziel ausgerichtet, die Wirtschaft des Landes ankurbeln. Sie sollen durch bauliche Massnahmen einzelne Stadtquartiere aufwerten, Projekte beschleunigen und langfristig Werbung für die Destination machen. Dies passiert zum Teil auch, doch klaffen Versprechen und langfristiger Nutzen weit auseinander. Müller ist deshalb mit der Art und Weise, wie Grossveranstaltungen vergeben, geplant oder durchgeführt werden, nicht einverstanden.

Sieben Todsünden hat Müller aus der Geschichte der Grossveranstaltungen herausgefiltert und stellte diese im Vortrag detaillierter vor: Überzogene Versprechen, unterschätzte Kosten, Übernahme durch die Veranstaltung (z.B. Landenteignung), öffentliche Haftung, künstlicher Ausnahmezustand, ungleiche Verteilung und Event-Doping. Klar, Grossveranstaltungen können – wie das Beispiel der olympischen Spiele in Barcelona 1992 zeigt – zu langfristigen städtebaulichen Verschönerungen führen. Doch überzog die katalanische Stadt ihr geplantes Budget damals um 417 Prozent. Gelder, die zu grossen Teilen aus der öffentlichen Hand stammen.

Müller betonte mehrmals, dass er Grossveranstaltungen schätzt und nicht kategorisch abschaffen möchte. Auch prangerte er nicht nur an, sondern zeigte ebenfalls Lösungsansätze auf. So schlägt er acht Massnahmen vor, welche dazu beitragen können, dass eine Grossveranstaltung der gesamten Bevölkerung nützt. Da wäre zum Beispiel eine unabhängige Organisation, welche sich ausschliesslich um ein nachhaltiges Vermächtnis der Veranstaltung sorgt. Gegen das Monopol eines IOK oder einer FIFA schlägt er kollektive Zusammenschlüsse vor: Bewerberstädte sollen gemeinsam versuchen, geforderte Steuererleichterungen oder eine Garantie für die Kostenübernahme durch die Veranstalter und damit die Öffentlichkeit aufzuheben.

Abschliessend spannte Müller einen Bogen von der Vergangenheit in die Zukunft: Olympische Winterspiele, anno 1948 noch in beschaulichem Rahmen in St. Moritz durchgeführt, könnten heutzutage einerseits dezentral und andererseits über einen längeren Zeitraum als die vorgeschriebenen zwei Wochen ausgetragen werden. So würde die vorhandene Infrastruktur genügen. Müllers Massnahmen und Vorschläge machen auf dem Papier Sinn, eine praktische Umsetzung liegt jedoch noch in weiter Ferne. Bis dahin tun Schweizer Städte gut daran „kleiner zu denken“ und für nicht minder emotionale Sportveranstaltungen zu kandidieren, wie Lausanne für die Olympischen Jugendwinterspiele 2020 oder Luzern für die Winter-Universiade 2021. Als Vergleich: Bei letzteren belaufen sich die Ausgaben für den gesamten Anlass in etwa auf der Höhe des Budgets einer Kandidatur für Olympische Spiele.

Text: Corinne Germann