Pro & Kontra: Selbstdarstellung im Sport über soziale Medien?

16. Mai 2022

Pro

Claudio Zemp dokumentiert gewissenhaft alle seine Leistungen. Dass dies auch geteilt werden muss, gehört halt dazu, frei nach dem Motto: «Tue Gutes und sprich darüber.»

Okay, ich gebe es zu: Nebst dem individuellen Warm-up (10 Minuten) und dem Umziehen nach dem Schwitzen (17 Minuten, in der Wechselzone „Garderobe“ bin ich nicht der Schnellste) gehört auch die Nachbereitung via soziale Medien zu jeder Trainingseinheit dazu. Je nach Intensität und Dauer der Leistung geht da schon noch mal eine halbe Stunde Zeit bei der Analyse und Publikation derselben drauf. Du findest das zu viel? Zeitverschwendung gar?

Nun, ich sage dem ungern Selbstdarstellung, spreche lieber von Dokumentation. Es geht mir nicht zuletzt um die Stärkung der eigenen Marke, was halt einfach auf Social Media passiert. Man sieht es bei den Profis, in allen Sportarten: Sie lassen sich filmen, dürfen sich selbst verkaufen, anpreisen, machen auch mal den Globi, den Fans zuliebe. Schliesslich bekommen sie nur Geld von ihren Sponsoren, wenn sie präsent sind. Und da kann man nichts falsch machen: Nur wer im Gespräch bleibt, wird beachtet. Ein Kreislauf! Wir Amateure machen einfach selber, wofür Profis Sklaven haben.

Wie wir selbst sind auch die sozialen Medien ständig in Bewegung. Ob es in zwei Jahren TikTok noch gibt? Oder wird Facebook definitiv abgeschaltet? Verboten gar? Kauft Google endlich LinkedIn auf? Der Salat an sozialen Medien ist unübersichtlich, das stimmt. Aber das ist egal. Es kommt nicht darauf an, wie oft man sich darstellt, sondern wie. Fokus auf das Wichtige, auch hier!

Jede App hat ihre Funktion, aber weniger ist mehr. Ich beschränke mich auf zwei: Auf Strava messe ich meine Meilen und Bestzeiten zu Rad und zu Fuss. Mit Instagram poste ich ab und zu ein Gipfelfoto von einem besonderen Event mit Freunden. Hier gilt: Kein Käse, Meilensteine only! Das ist schon genug.

Es fällt dann auch eher auf, wenn man nicht täglich jeden Furz postet. Dafür ist vielleicht die eine Perspektive ungewöhnlich oder das Filmli megalustig. Den Rest erledigt der Markt mit den Metadaten, die unsichtbare Hand der Bots und der Algorithmen, die mit den Daten und Dunstkreisen Handel treiben. Angst vor Kontrollverlust ist hier fehl am Platz. Alles dient der Steigerung des äusseren Antriebs: Dem Applaus des Publikums. Also los, go for it! Irgendwann wird etwas viral gehen…
 

KONTRA

Thomas Borowski mag keine Selfies. Und die immer häufiger im Sport auftauchenden Selbstdarstellerinnen und -darsteller sind ihm suspekt, auch wenn sie dem Zeitgeist entsprechen.  

«Tod wegen Selfie; Weltweit sterben mehr Menschen bei Selfie-Aufnahmen als bei Haiangriffen.» Selber schuld, denke ich mir bei der Lektüre der von einer Boulevardzeitung verbreiteten Titelstory. So unglücklich die einzelnen Todestragödien gewesen sein mögen, die Vernunft war bei den meisten Fällen sicherlich nicht an vorderster Front. Dabei kommt mir noch als kleiner Exkurs eine Gletschertour in Kanada in den Sinn. Unterwegs sinnierte unser Führer der Seilschaft darüber, dass jedes Jahr unvorsichtige Touristen in Turnschuhen und ohne Begleitung in Gletscherspalten den Tod finden. Er erinnerte uns in seinen Ausführungen an Charles Darwin und dessen Evolutionstheorie. Der Umkehrschluss unseres Bergführers zu Survival of the Fittest hinsichtlich der verstorbenen Touristen lautete in seinem Kommentar trocken: «There are always dumb animals.»

Damit zurück zum Sport und der Selbstdarstellung über Soziale Medien, welche für mich einige Parallelitäten zu obigen Anekdoten aufweist. Zum einen erachte ich es als gefährlich, sich während dem aktiven Sporttreiben für das nächste coole Insta-Post in Action abzulichten. Dass die Achtsamkeit für die Ausübung des Sportes dabei auf der Strecke bleibt, liegt auf der Hand. Okee, wenn die Bedienung des Handys nicht stört, die Kollegin einen fotografiert oder der Selbstauslöser die relaxende Yoga-Pose ablichtet, dann mag das in Ordnung gehen. Aber die Herstellung von Actionaufnahme ist oft eine nicht zu unterschätzende Gefahr.

Das andere grosse Fragezeichen bildet sich für mich zu diesem scheinbaren Zwang, jedes noch so banale Foto des eigenen Sporttreibens mit der Community über die sozialen Medien teilen zu müssen. Wer kann mir sagen, was man davon hat, wenn andere sehen, wie man geschwitzt, geschnauft oder nach dem Sport gechillt hat? Wem bringt das was genau? Follower, aber wofür? Das grosse Geld wird es für die wenigsten Hobbysportler-Posts geben. Und was einmal im Netz ist, bleibt für immer da. Deshalb mein gut gemeinter Rat an dieser Stelle: No show makes the better go!

 

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