Das ist ...

27. September 2021

Flag Football

What’s the name of the game? FOOTBALL!

Um Flag Football zu begreifen, muss man eine Idee von den USA haben. American Football war im Land der unbegrenzten Möglichkeiten und des grenzenlosen Selbstbewusstseins lange die einzige Art von Fussball überhaupt. Bis etwa 1994, würde ich sagen, als die FIFA Fussball-WM in den USA ausgetragen wurde, war europäischer Fussball dort unbekannt. Und «Soccer» höchstens ein Spiel für Kinder, für das sich die Amis schlicht nicht interessierten. Mir kommt immer diese Szene aus der TV-Serie «Wunderbare Jahre» in den Sinn, wo die Hauptfigur Kevin Arnold in der Turnstunde europäischen Fussball spielen muss. Die Kinder der Klasse rebellieren und bestürmen ihren Turnlehrer, sie möchten endlich etwas Taktik haben: «When are we doing some PLAYS, coach?!».

Was ich an den USA liebe, nebst den grosszügigen Stipendien für Supertalente im Schulsystem und dem Sinn für Showbiz, ist, dass sie für jede der vier Jahreszeiten einen TV-Sport haben. Die Musik spielt in Amerika: Wie selbstverständlich tragen sie dafür die Weltmeisterschaft unter sich aus, die nationale Meisterschaft ist die WM. Und so läuft auch das ganze Jahr über immer etwas am Bildschirm. Alle Jahre wieder geht der Reigen der bombastischen Ligen: Baseball (MLB), Basketball (NBA), Football (NFL) und Hockey (NHL).

Und wozu sind nun die Flags? Jeder Spieler hat zwei bunte Bändel an der Hüfte montiert. Diese Flags braucht es, um die groben Tacklings zu umgehen, die man vom American Football kennt: Dem Verteidiger ist fast alles erlaubt, um einen Angreifer (mit Ball) zu stoppen, eben um ihn zu tackeln. Im Touch Football muss der Verteidiger den Angreifer berühren, damit es ihn hat. Will er ihn im Flag Football stoppen, so zieht er ihm ein Fähnchen von der Seite. Was nicht so einfach ist, wie es tönt. Wenn es gelingt, macht es aber «Plopp!» Das Geräusch freut den Verteidiger und ärgert den Stürmer. Denn er wurde erwischt.

Kurz gesagt ist Flag Football also American Football ohne die Brutalität, so dass man es am Strand, in der Wüste oder überall spielen kann, wo ein Feld markiert werden kann. Man braucht keine Ausrüstung, ausser Schuhe vielleicht, keine Helme, keine Achsenpolster und auch keinen Schiri. Aber einen Ball schon, natürlich. Er ist beige mit auffälligen weissen Nähten und sieht aus wie ein Ei.

Man braucht etwas Übung, um ihn gerade zu werfen, mit dem richtigen Spin, so dass er eben weit fliegt. Die Amis sagen dem «Play Catch», und man kann es zu zweit in jedem Vorgarten üben, wenn man einen Ball hat. Aber da sind wir schon fast in den Details, im Flag Football ist das Werfen Aufgabe des «QBs», ausgesprochen «Kiu-Bi», kurz für Quarterback. Der QB ist der Schlüsselspieler im Football, der Chef. Er steht etwas weiter hinten als seine Leute und behält stets die Übersicht. Er sagt die Angriffsspiele an und wirft dann eben den Ball zu einem seiner Mitspieler, die sich freilaufen.

Die Regeln sind für metrisch denkende Europäer etwas speziell. Distanz wird in Yards gemessen, man muss eine Weile zugucken, bis man das Spiel checkt. Und irgendjemand muss zählen: Es gibt Downs, nach denen das Spiel gestoppt wird. Mit jedem Down versucht das angreifende Team, mit einem Spielzug Raum zu gewinnen. Alles im Sturm ist abgesprochen und einstudiert, das ist so beim Football und ist im Grunde der Witz des Spiels: Die Defensive weiss nicht, was die Offensive vorhat und muss sich blitzschnell auf die Finten und Haken der angreifenden Teams einstellen.

Das Ziel des Spiels ist ein «Touch Down», also den Ball in die Endzone zu bringen. Das ist mit einem Pass möglich, der gefangen wird oder mit einem durchgehenden Lauf.

Nach jedem Down gibt es einen «Huddle» und die Teams stellen sich neu auf. Nach 4 Downs wechseln sie die Seiten, egal ob ein Punkt gelang oder nicht: Die Angreifer verteidigen und die Defensive darf nun stürmen. Alles klar?

Man kann das Spiel auch soziologisch betrachten: American Football ist hoch spezialisiert, wie ein Orchester oder eine Firma. Der Maestro ist der QB. Die schweren Jungs bilden die Verteidigungslinien, wie eine Mauer. Dann gibt es «Receivers», meist gross und schlank, mit flinken Beinen und langen Armen, die schnell laufen und gut fangen können. Kleine, kompakte «Half Backs» braucht es auch, die selbst in der massivsten Mauer eine Lücke finden. Und einen Spezialisten für Freistösse, der immer dann eingewechselt wird, wenn es einen Kick gibt. Hier ist Flag Football etwas simpler gestrickt, das geht auch einfacher: Erlaubt ist jeweils nur ein Pass pro Down, es gibt keine Rückpässe und keine Kicks.

Nun zum Training: Wir spielen gemischt, etwa die Hälfte sind Frauen, die Hälfte Männer. Das ist alles kein Thema, zum Glück, weil eben die hässliche Macker-Seite des American Football keine Rolle spielt.

«Versuche, die Winkel genau zu rennen!», sagt mir der QB. 

Mein Auftrag ist: 7 Schritte nach vorn und dann einen Haken schlagen.

Wir spielen 2 gegen 2 und dann 4 gegen 4.  In der Offense zeigt der QB jedem Mitspieler, was er zu tun hat. Noch so was Praktisches, die Rangordnung ist klar. Man muss im Team folgen, dienen und einfach genau das tun, was einem der QB sagt:

45, post, hook, slot, corner – oder fly!

Fliegen bedeutet weit rennen, auch dies kann man mit Haken kombinieren und man muss dann doch rechtzeitig zurückschauen, wo der Ball kommt, damit man ihn fangen kann, auch wenn die untergehende Abendsonne blendet.

Im Training konnte ich also sofort mitspielen. Wenn ich am nächsten Tag Muskelkater hatte, dann von den vielen Spurts, die wir geübt haben.

Nun ist sie mir schon wieder entwischt, Valentina, die blonde Receiverin, und hat erst noch den

Ball gefangen. Wie hat sie das nur angestellt?! Provokativ schlendernd lässt sie sich von mir die Flagge ziehen. Plopp! Seit 9 Jahren spiele sie schon Flag Football, sagt sie nur.
 

Nächstes Down: Ready?! Clap!

Der QB hat nicht unbegrenzt Zeit, er wird ja auch angegriffen von den Verteidigern. Eine kurlige Variante der Verteidigung ist der Blitz. Ein Verteidiger, eben der Blitz, hebt die Hand und versucht, direkt auf den QB zu spurten und ihn am Werfen zu hindern.

Und dann geht das Flutlicht an, die Sonne ist untergegangen und das Training ist fertig.

Aus, das Spiel vorbei. We had so much fun! Goodnite and see you next week, guys!

 

Claudio Zemp

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