Pro & Kontra: Darf man im Sport auch mal Theater spielen?

7. März 2019

PRO

Thomas Borowski hält gar nichts vom Vorspielen falscher Tatsachen. Er ist aber überzeugt davon, dass es viele Sportarten gibt, in denen Theater einfach dazugehört.

Etwas muss ich hier von Anfang an klarstellen: Mit dem ewigen Theaterspielen der überbezahlten Fussballstars von heute kann auch ich absolut gar nichts anfangen. Die sich andauernd wiederholenden Szenen der sich wälzenden Fussballer, ihre schmerzverzerrten Gesichter und das theatralische Festhalten des vermeintlich verletzten Körperteils finde ich total lächerlich. Insbesondere dann, wenn die Slowmotion eindeutig beweist, dass das Foul gar nicht stattgefunden hat. Als Gage für solch kümmerliche Auftritte bräuchte es – zumindest im Männerfussball – noch viel mehr rote Karten.

Abgesehen davon bin ich aber der festen Überzeugung, dass ein gewisser Grad von Theaterspielen in vielen Sportarten durchaus eine Daseinsberechtigung hat, ja sogar zum Spiel dazugehört. Bei der Begrifflichkeit passt Theater irgendwie nicht so richtig… wie wär‘s mit schlauem und fairem Einsatz von Taktik? Denn es gibt doch immer wieder Sportmomente, in denen ein Handeln dazu führt, dass man den Gegner mit legalen Mitteln in die Irre führt, einschüchtert oder gar verängstigt und so im Idealfall sich selber zum Sieg verhilft. Beispiele gefällig?

Die All Blacks, die Rugby-Nationalmannschaft aus Neuseeland, spielt vor jedem wichtigen Spiel grosses Theater. Ihr mittlerweile weltberühmtes Haka-Ritual vor dem Gegner ist ein Grimmassentheater erster Güte – und hat als Youtube-Filmchen über 34 Millionen Klicks. Eine ähnlich grosse Show bot Boxlegende Muhamed Ali Zeit seines Lebens jeweils dann, wenn es ihm vor einem Boxkampf darum ging, seine zukünftigen Gegner einzuschüchtern. «I dance like a butterfly and sting like a bee» hiess eine seiner weltberühmten Zeilen auf der Bühne des Sportes. Und auch Tennisgott Roger Feder schreckt auf dem Court nicht davor zurück, die Rolle des ewig Kontrollierten zu spielen, obwohl es in seinem Innern garantiert brodelt. Fazit: Ohne solch grosses Theater wäre manche Sportart deutlich ärmer.

 

KONTRA

Claudio Zemp, begnadeter Laienschauspieler, muss oft mit Softfaktoren Leistungsdefizite übertünchen. Dennoch gehört Theater nicht zum Sport.

Okay, gegen ein bisschen Theater habe ich nichts. Aber es gibt ein Missverständnis, das geklärt werden muss: Sport ist etwas ganz Anderes als Kunst. Trotzdem meinen viele, Theater und Sport gehörten zusammen, weil ja Kino wie Match beides Unterhaltung sei. Ja, es geht um Emotionen, und auch ein Spielplatz ist eine Art Bühne. Eine Boxerin mit Tattoos; ein Skifahrer, der stürzt; oder ein Pferd, das beim Springreiten verweigert: Gehört zum Spektakel. Aber ist das zentral?

Umgekehrt sind Wettbewerbe im Showbiz nicht ernst zu nehmen. Man besuche nur einmal eine Theatersportvorstellung, einen Poetry Slam oder einen Marschmusikwettbewerb. Ja, das kann schon gute Unterhaltung sein, aber eben: Kein Sport. Voraussetzung für sportliche Wettkämpfe ist vielmehr Fairplay. Gleich lange Spiesse, Regeln respektieren, und dann los. Alles andere ist Geplänkel und stört.

Wir Medien sind ein bisschen mitschuldig. Wenn sogar im Eishockey über Schwalben geschrieben wird, wo doch vielmehr die Assists zählen und der beste Spieler am goldenen Helm erkennbar ist, läuft etwas schief. Wo ist die Relevanz, wenn der Schweizer Doppeladler und die Spaghetti-Frisur von Neymar die schönsten Erinnerungen an die Fussball-WM sind?

Wer auf Mätzchen und Akrobatik steht, der gehe in den Zirkus oder gönne sich eine Runde Catchen. Das ist wunderbares Theater – und alles abgekartet. Cristiano Ronaldo, einst in England als «show pony» belächelt, verdient sein Geld aber nicht mit Theater. Ebenso wenig Serena Williams, die gerne mit dem Schiedsrichtern streitet. Natürlich dürfen alle auf dem Platz auch mal Theater spielen. Dafür gibt es ja die gelbe Karte.

 

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Der nächste Blogbeitrag erscheint Mitte März 2019.

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