Pro & Kontra - Effizienz im Sport: Ist der kürzeste Weg der beste?

10. September 2018

PRO

Thomas Borowski, kann Umwegen nichts abgewinnen, wenn der direkte Weg rascher zum Ziel führt – im realen Leben, aber auch als Metapher.

Wer wie ich Jahrzehnte der Leichtathletik gewidmet hat und in seinem Leben auf der 400m-Bahn unzählige Runden gerannt ist, der weiss eines bombensicher: Je effizienter man an der Bahnbegrenzungslinie entlangläuft, desto kürzer ist der Weg, desto schneller die Zeit, desto grösser der Erfolg. Eine simple Erkenntnis, die mich aber fürs Leben gelehrt hat: Effizienz – auch in noch so unwichtig erscheinenden Kleinsthandlungen – führt definitiv rascher zum Erfolg. Oder der logische Umkehrschluss: Wer Umwege geht, der verliert unweigerlich.

Um kritischen Stimmen zuvorzukommen, sei dazu erwähnt, dass Effizienz im Sport in meinen Augen keineswegs mit Monotonie, Prinzipienreiterei oder ähnlich Negativem gleichzusetzen ist, im Gegenteil. Effizienz bringt einem überall Zeiteinsparung, verkürzt in allen Belangen den Weg zum anvisierten Ziel. Ob das nun im geographischen oder im übertragenen Sinn für Leistung gemeint ist, spielt dabei keine Rolle. Effizienz ist gut, wenn man sie pflegt und gelernt hat, sie im Sport zielgerichtet anzuwenden.

Klar mögen Schlaumeier mit Sprüchen wie «Der Weg ist das Ziel» oder «Mitmachen ist wichtiger als gewinnen» wider die Effizienz argumentieren. Und einverstanden: Sport als reine Freizeitbeschäftigung braucht die Effizienz per se nicht zu bemühen. Aber Hand aufs Herz: Wenn ich eine Person neben mir auf dem Laufband beobachte, die im Schneckentempo joggt, dabei in einem Klatschheft blättert und nebenher noch per Smartphone telefoniert, dann frage ich mich schon, ob diesem Training nicht nur ein Hauch von Effizienz guttun würde? Ich für meinen Teil – wohlgemerkt durchaus kein Verächter von Muse und dem süssen Nichtstun – hat die Effizienz im Sport zum Unverzichtbaren erklärt.

 

KONTRA

Claudio Zemp, 43, schwimmt gern langsam und gegen den Strom. Die Ökonomie der Kraftbolzerei hält er für das Gift des Sports. Lieber schlägt er Haken – oder schaut nur zu.

Leider langweilt mich der kürzeste Weg, sobald ich ihn dreimal gegangen bin. Es hat mit der Banalität zu tun: Der schnellste Weg von A nach B ist ok, aber spätestens beim vierten Mal frage ich mich: Wozu tu ich das? Frag einen Pendler, die Sklaven der Neuzeit. Wir optimieren unseren Arbeitsweg auf die Minute, kennen ihn im Schlaf. Aber wenn einmal ein Zug ausfällt, sind wir überfordert! Keinen Schritt zu viel tun, keinen zu wenig. Ja nicht aus der Reihe tanzen, immer pünktlich und korrekt, jedes Ding an seinem Platz, wie öd.

Interessanter fährt man doch um sieben Ecken denkend: Stell ein paar Hürden in die Bahn, stecke Slalomtore an den Hang, schon wird der Wettkampf spannend. Biege einmal links statt rechts ab, nur um zu sehen, was hinter dem Hügel liegt. Fahre mit dem Velo extra einen Umweg. Das erweitert den Horizont, ist oft gemütlicher – und gibt troztdem mehr Trainingskilometer. Natürlich ist so ein umständlicher Lebensstil auch riskant: Es kann Pannen geben. Wenn man sich verirrt, das Ziel verpasst oder gar ins Dickicht gerät und stürzt, tut das weh. Aber hey, sei ein Entdecker: Delfintauchen rückwärts, ein neuer Schwimmstil!

Maschinen sind effizient. Sie sind unschlagbar darin, Dinge schnell zu erledigen, auch im Sport: Höher, weiter, stärker. Dumm nur, dass Robotersportler sich nicht über den Sieg freuen können. Handicaps dagegen, im Turnen wie in der Wissenschaft, sind Lehrplätze. Nichts gegen Gipfelstürme und Basejumping, das sind mega-effiziente, vertikale Wege. Aber zu anstrengend für mich. Ich ziehe Gemütlichkeit in Varianten vor. Da kommt mir eine Idee: Man könnte doch einmal mit der Bahn auf die Jungfrau fahren. Feldstecher nicht vergessen: Von oben herab hat man bestimmt eine gute Sicht auf die armen Alpinisten, die wie Ameisen in der Eigernordwand kraxeln, nicht?

 

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